Die mittelalterliche Altstadt von Ventimiglia – ein Geheimtipp an der ligurischen Küste

Wer auf Google mal nach „Italiens schönste Städte“ sucht, der bekommt hierzu gleich eine ganze Liste voll mit Ergebnissen. Ganz vorne mit dabei sind natürlich die Klassiker – Rom, Florenz, Venedig, Mailand, Verona – außerdem werden auch einige kleinere und teilweise unbekanntere Städte wie Padua, Triest, Turin, Genua oder Lucca aufgezählt. Das sind ohne jeden Zweifel alles wunderschöne Orte und bei einigen von ihnen hatte ich schon das Glück, sie selber besuchen zu dürfen. Doch egal wie lange ich diese oder ähnliche Listen durchsucht habe – einen bestimmten Namen habe ich kein einziges Mal gefunden: Ventimiglia.

Danach habe ich versucht, Reiseberichte über diese etwas kleinere Küstenstadt in Ligurien nahe der französischen Grenze zu finden, aber bis auf einige wenige Artikel, in denen die die Hafenstadt kurz erwähnt wird, habe ich auch dazu kaum etwas gefunden.

Szenenwechsel: im August bis September 2018 verbrachten wir unseren Sommerurlaub mal wieder – ich weiß gar nicht mehr, wie oft wir jetzt schon dort waren, aber ich glaube es war ungefähr das zehnte mal oder so – an der Cote d’Azur, der Mittelmeerküste Frankreichs (der ein oder andere hat ja vielleicht schon meine neu erstellte Galerie dazu gefunden). Neben den Orten, die wir schon kannten suchten wir uns auch einige neue Ziele aus, die wir besuchen wollten. Und so waren wir nicht nur zum ersten mal in La Ciotat und Cassis oder machten eine Tour durch die wunderschöne Haute Provence – auch Ventimiglia, der kleinen und unscheinbaren Hafenstadt in Italien kurz vor der französischen Grenze, an der wir früher während der Hin- und Rückreise immer achtlos vorbeigefahren sind, statteten wir während einer Tour in Richtung Menton und Monaco einen kurzen Besuch ab.

Während der gut zwei Stunden, die wir dort verbrachten, habe ich nicht nur einen recht beachtlich großen Teil meiner persönlichen Lieblingsfotos des Urlaubs geschossen, sondern wurde auch zutiefst beeindruckt von dieser sonst viel zu wenig beachteten kleinen Stadt. Grund genug also, um ihr einen eigenen Beitrag zu widmen!

Rundgang durch Ventimiglias Altstadt – ein Paradies für Fotografen

Bevor es weiter geht: alles was ich hier schreibe, bezieht sich hauptsächlich auf die mittelalterliche Altstadt Ventimiglias, die übrigens nicht nur aus eben jener Epoche stammt sondern sich auch heute noch genau so anfühlt, aber dazu später mehr. Es gibt auch noch einen neueren Stadtteil (der einen Großteil von Ventimiglias Fläche einnimmt), wir sind durch diesen aber nur kurz auf der Suche nach einem Parkplatz durchgefahren. Sah ganz nett aus, war aber sonst nicht so besonders: einige Einkaufsstraßen und ein langer Strand – also das Gegenteil von dem, was mich im Urlaub normalerweise interessiert… 😉

Blick auf die Altstadt von Ventimiglia Italien
Blick über die Roia auf die Altstadt von Ventimiglia

Wer die Altstadt besichtigen möchte, der sollte sich wenn möglich einen Parkplatz in der Nähe des Flusses Roia suchen – dieser ist eigentlich kaum zu verfehlen. Von dort führt eine lange Fußgängerbrücke über den Fluss von der Neustadt in die Altstadt, wobei man hier bereits erste Blicke auf die eigentliche Altstadt werfen kann, die auf einem Hügel über dem Fluss thront (siehe Bild oben).

Brücke über den Fluss Roia in Ventimiglia
Brücke über den Fluss Roia

Bevor wir uns an den Aufstieg in die Altstadt machten, gönnten wir uns noch eine kurze Pause in einem Strandcafé – obwohl es erst der dritte September war, war hier kaum etwas los. Die Szenarie hatte irgendwie etwas leicht morbides. Man konnte kaum leugnen, dass die Stadt ihre besten Zeiten hinter sich hat, wobei man sich ja durch den neuen Hafen, der wohl irgendwann demnächst eröffnet werden soll (und übrigens komplett von Monaco gekauft wurde… 😉 ) wieder neuen Glanz erhofft.

Sonnenschirme am Strand von Ventimiglia
der leere Strand
Sonnenschutz am Strand von Ventimiglia Italien
In der Strandbar

Danach ging es erstmal bergauf – wer in die Altstadt will, muss zuerst eine ganze Menge Treppen steigen. Aber glaubt mir, es lohnt sich!

Treppe in die Altstadt von Ventimiglia
Der Weg in die Altstadt ist kein ganz leichter – auch wenn es auf den ersten Blick nicht wirklich schlimm wirkt… 😉
Wasserhahn an einem Brunnen in Ventimiglia Italien
Ein Trinkbrunnen

Bereits hier kommt man durch viele alte Gassen, im Großen und Ganzen wirkt es hier aber noch recht normal (im Vergleich zu anderen italienischen Altstädten) und eher etwas langweilig. Am Ende der Treppen erreicht man einen großen Platz, an dem auch die Kathedrale Santa Maria Assunta steht – diese Kirche sieht man schon vom Fluss aus und ist vermutlich eine der größten Attraktionen der Stadt. Ein kurzer Blick ins Innere lohnt sich definitiv!

Kirche in der Altstadt von Ventimiglia
Kathedrale Santa Maria Assunta
Details der Kirchenfassade in Ventimiglia
Details des Eingangs

Vom Kirchenplatz aus kann man entweder ein paar Meter geradeaus weitergehen, bis man zu einem Aussichtspunkt über den bei unserem Besuch noch unfertigen Hafen der Stadt und das Meer kommt

Straße mit Blick auf das Meer in der Altstadt von Ventimiglia
Ausblick auf das Meer

Alternativ kann man auch gleich rechts abbiegen in die Hauptstraße der Altstadt, die Via Giuseppe Garibaldi. Diese wirkt noch recht prunkvoll, jedoch merkt man auch hier recht schnell, dass sie ihre besten Tage wohl schon hinter sich hat. Insgesamt wirkte diese Straße sehr verlassen – Touristen suchte man vergeblich. Nur vereinzelte Einheimische waren zu sehen.

Kirche von der Hauptstraße der Altstadt von Ventimiglia aus gesehen
Auf der Hauptstraße der Altstadt

Wären wir danach einfach wieder den Weg zurück gelaufen hätte ich hier geschrieben, dass Ventimiglia zwar etwas heruntergekommen aber ganz nett ist, es sich aber eher nicht lohnt, dort hinzufahren. Naja, wahrscheinlich würde es diesen Artikel auch gar nicht geben. Um ehrlich zu sein hatten wir genau das auch vor, nachdem wir die etwas verlassene Hauptstraße ein Stück entlanggeschlendert und irgendwie leicht enttäuscht waren (also ich persönlich zumindest).

Glücklicherweise sind wir dann doch noch abgebogen, um zumindest einen anderen Weg zurückzugehen. Fast wahllos sind wir in eine Nebengasse eingebogen und standen plötzlich mitten im Mittelalter – so hat es sich zumindest angefühlt. Ich beschreibe jetzt mal nicht die Einzelheiten, aber in dieser Gasse war es unglaublich düster, überall klebte Dreck an den Wänden und diversen Vorrichtungen, die aus den Mauern ragten und Wäsche hing vor den Fenstern zum trocknen. Ich weiß, dass ich eher schlecht darin bin, Dinge treffend zu beschreiben, aber ihr könnt mir glauben wenn ich sage, dass es sich fast wie eine Reise in die Vergangenheit angefühlt hat. Wer das nicht selbst gesehen hat, der wird wohl nicht verstehen, wovon ich spreche…

Details in der Altstadt von Ventimiglia
Details an den Fassaden – was auch immer das ist…

Auf einmal sahen wir ein komplett anderes Bild der Stadt – ein paar Meter weiter kamen wir auf eine weitere und etwas größere Gasse parallel zur Hauptstraße, doch der Unterschied den diese zehn oder 20 Meter ausmachten könnte größer kaum sein.

Für Hobbyfotografen ist die Altstadt wahrlich ein Paradies – zumindest empfand ich es so. Oft wusste ich gar nicht, in welche Richtung ich zuerst fotografieren sollte…

Gasse in der Altstadt von Ventimiglia Italien
Gasse in der Altstadt von Ventimiglia Italien
Die „alternative Hauptstraße“ Via Giudici zeigt das wahre Gesicht Ventimiglias
Gasse in der Altstadt von Ventimiglia Italien
Nur ein paar Meter weiter konnten wir immer wieder die fein „herausgeputzte“ Via Giuseppe Garibaldi sehen
Fenster mit Katze in der Altstadt von Ventimiglia Italien
Eine Stadt, in der es Katzen gibt, kann so schlecht nicht sein… 😉
Gasse in der Altstadt von Ventimiglia
Hier wohnen heute noch Leute – diese Häuser sind nicht nur noch für Touristen erhalten worden
Blick auf die Berge durch ein Tor in der Altstadt von Ventimiglia Italien
Blick auf die umliegenden Berge

Ein Anblick, der nachdenklich macht

Doch die schönen Fotomotive alleine waren es nicht, was mich an Ventimiglia so fesselte. Ein paar Meter weiter erreichten wir einen weiteren Kirchenvorplatz, von dem aus man einen Blick auf die Häuser hat, zwischen denen man gerade hindurchgelaufen ist. Und dieser Anblick regt einen dann doch sehr zum Nachdenken an!

Blick auf die Altstadt von Ventimigila Italien
Blick auf die Altstadt

Diese Gassen, durch die wir geschlendert sind, wirken nicht nur wie im Mittelalter, die Umstände dort scheinen auch heute noch ähnlich wie damals zu sein. Denn dort leben auch heute noch Leute unter recht harten Bedingungen. Okay, ich habe keines der Häuser von Innen gesehen – vielleicht ist es nicht so schlimm wie es aussieht und der Eindruck von Außen täuscht etwas, aber trotzdem wird einem erst in solchen Momenten wieder bewusst, wie unglaublich gut es uns hier geht. Ich hätte es kaum für Möglich gehalten, dass Menschen in Italien, mitten in Europa, unter so armen Bedingungen leben müssen – vielleicht will man es aber auch einfach nur verdrängen.

Gasse in der Altstadt von Ventimiglia Italien
Auch wenn man es nicht glauben will, aber in diesen düsteren Gassen leben auch heute noch Menschen

Es fühlte sich seltsam an, als Tourist (wir waren so gut wie die Einzigen, die dort rumliefen) durch diese Gassen zu spazieren, während man immer das Gefühl hatte, dass einen die Einheimischen von den Fenstern aus skeptisch beobachteten. Zu sehen waren aber kaum Leute, und wenn doch waren sie schnell wieder in irgendeiner Haustür verschwunden, ohne uns groß zu würdigen.

Kirchenvorplatz in der Altstadt von Ventimiglia
Kirchenplatz in der Altstadt
Katze in der Altstadt von Ventimiglia Italien
Die einzigen Lebewesen, die sich uns näherten, waren die Katzen…

Um die Altstadt zu verlassen, hieß es dann wieder Treppen steigen. Als wir zurück am Fluss waren, fühlte es sich ein ganz kleines bisschen an, als wären wir gerade aus einer anderen Welt zurückgekommen.

Treppe in die Altstadt von Ventimiglia
Treppen in bzw. aus der Altstadt von Ventimiglia
Die Altstadt von Ventimiglia am Fluss Roia
Von der anderen Flussseite wirkt die Altstadt komplett anders – eigentlich ganz normal und wie jede andere italienische Stadt auch

Fazit

Ich persönlich verließ Ventimiglia mit sehr gemischten Gefühlen. Einerseits habe ich selten so eine faszinierende und authentische Altstadt gesehen wie dort, andererseits bedrückten mich diese Anblicke auch ein wenig, denn mit solchen Lebensumständen hätte ich dort nicht gerechnet. Wobei man auch nicht mit Sicherheit sagen kann, ob die Verhältnisse wirklich so schlimm sind wie sie auf mich wirkten, denn wir haben ja keines der Häuser von innen gesehen – vielleicht wirkt es auch nur von außen so heruntergekommen und beengt.

Wie auch immer, diese Mischung aus morbiden Charme und mittelalterlichen Lebensumständen ist es wohl, die mich am meisten fasziniert hat. Man muss aber auch ehrlicherweise dazu sagen, dass ein Besuch dort nicht jedem gefallen wird, wer es lieber hübsch und herausgeputzt haben will, der sollte vielleicht besser gleich in Menton bleiben, was ja nur zehn Minuten Fahrtzeit enfernt auf der französischen Seite der Grenze liegt. Ventimiglia hingegen ist dreckig (teilweise), heruntergekommen und verlassen – aber dafür ist es authentisch.

Auf jeden Fall bleibt mir der Abstecher nach Ventimiglia bis heute als einer der (zur Abwechslung mal etwas anderen) Höhepunkte des Urlaubs in Erinnerung – als ein Besuch, bei dem wir nicht nur eine total faszinierende und eigentlich vollkommen zu unrecht unbekannte Kleinstadt kennenlernen durften, sondern der auch etwas zum Nachdenken angeregt hat!

Nun stellen sich natürlich folgende Fragen: Habt ihr von Ventimiglia schon mal etwas gehört (bitte ehrlich sein 😉 )? Wart ihr schon mal dort? Und wenn ja, wie waren eure Erfahrungen dort? Würdet ihr mir zustimmen oder seid ihr anderer Meinung? Lasst es mich in den Kommentaren gerne wissen!

3 Kommentare

Hey Florian, ich finde es sehr bemerkenswert, dass Du dieser Stadt einen vollkommen eigenen Artikel gewidmet hast. Ich habe es ganz ähnlich empfunden wie Du. Dazu kamen unterschwellige Schuldgefühle: Nur ein paar Kilometer weiter der wohlbehaltene Glanz (und oft auch Glamour) der Côte d’Azur, mit dem wir schon so oft unsere Freude hatten (wir waren übrigens 2018 mit Euch Kindern zum 11. Mal an der Côte d’Azur), und in Ventimiglia dann sowas – im wahrsten Sinne im Schatten des Glanzes liegend. Ich weiß nicht, ob Ventimiglia ein Flüchtlings-Problem hat, aber dieses Thema kam mir ganz unweigerlich in den Sinn. Europas Zwei-Klassen-Gesellschaft, oder vielleicht sogar die Dritte Welt mitten in Europa? Die Menschen, denen nebenan in Monaco die fetten Großyachten gehören, bilden bei uns ja eigentlich die kaum greifbare Erste Welt…
So oder so: Toll und lebhaft geschriebener Artikel und schöne Bilder!

Guten Morgen,
dem braucht es eigentlich nichts mehr hinzuzufügen… 😉
Monaco hat ja jetzt auch schon den kompletten Hafen von Ventimiglia gekauft, der jetzt dann wohl fertig werden soll. Dann stehen dort demnächst wohl auch Yachten, die in Monaco keinen Platz mehr haben…
Danke und schöne Grüße,
Florian

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